Das Kissen

Es war einmal ein Kissen, das wurde geliebt und geknuddelt…

Jeden Tag lag es bequem auf dem Sofa und seine Besitzerin behandelte es überaus liebevoll. Jeden Abend kurz bevor es zu Bett ging, wurde es sanft aufgeschüttelt, akkurat und säuberlich in die Mitte des Sofas gesetzt. Da war sein Platz und sein Zuhause. Seine Besitzerin kümmerte sich sehr gut um das Kissen. Jede zweite Woche wurde es von Hand gewaschen und durfte dann, je nach Wetterlage, sogar 2 Tage draußen an der frischen Luft trocknen. Das Kissen liebte diese Tage. Bekam es doch so viel mehr zu sehen, als an den üblichen Tagen. Die gut riechende Luft nahm es völlig ein und so genoss das Kissen den gemischten Duft aus dem Waschmittel, das seine Besitzerin immer so gerne benutze und der frischen Landluft, das ihm zu Teil wurde. Manchmal hing es auch einfach nur in der Waschküche, aber das machte ihm nichts. Denn es wusste, wenn dem so war, dann war es draußen sehr unangenehm kalt und nass. Das war ohnehin keine Umgebung für ein Kissen. Das tollste war aber, dass es jeden Tag von seiner Besitzerin gekuschelt und geknuddelt wurde. Jeden Nachmittag wurde es erneut aufgeschüttelt und zurechtgemacht. Dann lagen sie da, schauten etwas Fernsehen und hielten einander ganz fest. Auch abends, war das Kissen ganz beliebt, oder wenn wiedermal Besuch vorbei kam. Ganz egal in welcher Runde, denn seine Besitzerin hatte viele nette Freunde und eine große Familie, die gerne zu Besuch kamen und ebenfalls das Kissen liebten. Dabei war es ihm egal, ob sie auf ihm saßen, die Füße auf ihm gelagert wurden, oder einfach liebevoll in die Arme genommen. Es war seine Bestimmung und das Kissen, konnte um dieses Dasein kaum glücklicher sein.

So zogen die Jahre ins Land und mit jedem Tag, wurden seine Besitzerin und das Kissen immer grauer und verletzlicher, die Haut wurde dünner und das Kissen erkannte, dass die Zeiten vorbei waren, dass jemand auf ihm herumspringen würde, oder dass es zu einer Kissenschlacht benutzt werden würde. Doch das machte ihm nichts. Es war eben schon alt, wie seine Besitzerin auch. Das war nun mal der Lauf der Zeit. Einmal zog es sich sogar einen Riss zu. Das hat vielleicht weh getan, doch seine Besitzerin hatte schnell Nadel und Faden zur Hand und reparierte liebevoll das kleine Malheur. Die Tage wurden immer länger und das Kissen machte sich arge Sorgen um seine Besitzerin, die sich immer weniger Blicken ließ. Oftmals war sie den ganzen Tag nicht im Wohnzimmer gewesen. Nur ihre Enkelin, die das Kissen noch aus ganz frühen Tagen kannte, war um diese Zeit ständig da. Doch sie schenkte dem alten und staubigen Kissen kaum Aufmerksamkeit. War es im weg, wurde es einfach zur Seite geschoben, ohne weitere Beachtung zu erfahren. Nur einmal noch wurde es geknuddelt. Die Enkelin ließ sich eines Tages, auf dem Sofa nieder und nahm das Kissen ganz fest in den Arm und ließ es nicht mehr los. Das Kissen spürte die unfassbare Traurigkeit in der Umarmung und wusste, das auch das Kissen wohl sein letztes Stündlein gesehen hatte. Seine Besitzerin war nicht mehr, das machte das Kissen sehr traurig, denn seine Aufgabe, war somit ebenfalls erfüllt gewesen.

Einige Tage später war es dann wohl soweit. Männer die hektisch in der Wohnung auf und ab rannten. Hämmerten, schlugen und warfen all die Dinge in zwei. Die Möbel wichen und so leerte sich die Wohnung und damit seine gewohnte Umgebung nach und nach. Das Kissen selber wurde fast als letztes gepackt. Grob und ohne Rücksicht, wurde es nach draußen manövriert und landete unsanft auf einem Berg voller Unrat und stinkendem, modernden Müll. Doch das Kissen grämte sich nicht, denn es hatte mit seinem Schicksal schon abgeschlossen. So war das nun mal in der Welt. Neu Dinge kommen, alte Dinge gehen und machen Platz für neue Dinge. Das Kissen hatte ein langes und erfülltes Leben gehabt. Worüber hätte es sich beschweren können, es hatte alles, was einem Kissenleben geschenkt werden konnte. Es war Trostspender, Liebens und Lebenspartner, Spielkamerad und Prellbock. Dekoration und Highlight, manchmal auch einfach nur im weg, doch das war auch okay. Das Leben war schön. Mehr als sich ein Kissen hätte je wünschen können. Mach es gut du schöne Welt, flüsterte es zum Abschied. Der Abend dämmerte und der Regen setzte ein. Ein großer Laster machte sich daran den Unrat aufzuladen, doch das bekam das Kissen schon nicht mehr mit. Es war von einer jungen Frau gefunden geworden. Dieses nahm es mit nach Hause und wusch es kräftig aber auch sehr bedacht und liebevoll. Die junge Frau schneiderte einen neuen, leuchtend bunten Bezug und bezog es neu. Es duftete wieder frisch und strahlte wie noch nie zuvor. Das Kissen konnte sein Glück kaum fassen und fand sich schon einen Tag später in einer neuen modernen Wohnung wieder. Es saß auf einem neuen modernen Sofa und schaute sich ungläubig um. War das gerade wirklich passiert, war das der Himmel? Das Kissen war überrumpelt und erschlagen von all seinen Gefühlen und des Glücks. Es lehnte sich zurück und atmete tief durch. Da setzte sich jemand neben das Kissen und nahm es zu sich auf den Schoß. Die junge Frau knuddelte es ganz fest, erdrückte es fast und ließ es gefühlt nie wieder los. Das Kissen war glücklich, glücklicher wie ein Kissen kaum sein könnte und genoss die Nähe und die Liebe dieser Jungen Frau, die ganz leise flüsterte, während das Kissen von einer Träne getroffen wurde:  „Danke Omi….“

In Gedenken!

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